Spiele 1924 - 2013
Die Spielperioden der Jahre 1924 bis 1955 
Periode 1960 
Periode 1965 
Periode 1970 
Periode 1981 
Periode 1987 
Periode 1992 
Welttheater 2000 
Welttheater 2007 
Welttheater 2013 
Welttheater 2000
Arbeitsnotiz zum Einsiedler Welttheater
Calderóns El gran teatro del mundo ist als grosses Ganzes überliefert, ohne Bezeichnung von Akten oder Szenen, wie ein antikes Drama. Zählt man die Verse des Grossen Welttheaters aus, wird sichtbar, dass es sich auch in fünf Akte teilen lässt, wie eine Tragödie Shakespeares. Oder in drei Akte, wie eine französische Komödie. Oder, analog zu den sieben Schöpfungstagen, in sieben Szenen.

Ich entschied mich für die Einteilung in sieben Szenen. Sie spielen auf dem Einsiedler Klosterplatz, unter den beiden Türmen mit ihren grossen, blau grundierten Uhren. Ihre Schläge eröffnen und beenden jede Szene. So bestimmt die ruhig kreisende Zeit das Spiel.

El Autor ruft sieben Figuren ins Leben. Eine, die siebte Figur, bleibt reine Möglichkeit, sie realisiert sich nicht. Die andern gehen auf der Bühne der Welt den Gang von der Geburt bis zum Tod. Zum Schluss kehren sie an den Ort ihres Auftritts zurück: Sechs Personen suchen einen Autor. Dies ist Calderóns Handlung, sein Stoff, die Dramaturgie des Welttheaters. Um zu zeigen, dass sie ganz und gar dem Original entstammt, trägt der Autor die Maske Calderóns und spricht seine Sprache. Der Einsiedler Welt kommt das «spanisch» vor.

Die vierte Viertelstunde ist ein Zwischenspiel; das Stück springt in die Pestzeit. Damals sind ganze Klöster dem Wahnsinn verfallen. Wie ist es möglich, fragten die Mönche, dass ein allgütiger Gott eine Welt voller Leiden erschaffen hat? Eine Schauspieltruppe – Calderón mit seinen Spielfiguren – deutet eine Antwort an. Sie lautet: Auch ein schlecht gemaltes Wirtshausschild kann auf eine exzellente Küche verweisen. Das schäbige Schild ist im barocken Verständnis das Theater. Es verweist auf eine bessere Welt. Und wenn die Welt voller Leiden ist? Dann verweist auch sie, wie das schlecht gemalte Schild, wie das schlecht gespielte Stück, auf eine grandiose Schöpfung.

Bisher zeigte man in Einsiedeln das Grosse Welttheater in der Übertragung Joseph von Eichendorffs. Er setzt den Autor mit dem Meister gleich, also mit Gott. Diese Gleichung kann das Theater in einer bildersatten Zeit nicht mehr leisten. Wer oder was Gott ist – wir wissen es nicht. Aber während des ganzen Spiels schaut das Publikum auf das Koster, das sich mit seinen Türmen über den Platz erhebt. Sie verweisen auf das Geheimnis.
Kein Geheimnis, sofern man hier lebt, ist das Dorf Einsiedeln. Seine Figuren und Geschichten habe ich in die calderónsche Struktur eingefügt. Im Konkreten soll sich das Allgemeine spiegeln. Auf einer Kugel, sagt Ernst Jünger, ist jeder Punkt Mittelpunkt. Je globaler die Welt, desto wahrer wird dieser Satz.

Zu Calderóns Zeit – das Stück wurde 1641 uraufgeführt – musste die Menschheit begreifen, dass sie einen runden, im All hängenden Planeten besiedelt. Das rief schlimme Schwindelgefühle hervor. Also baute Don Pedro Calderón de la Barca, in seiner Jugend ein strammer Soldat, später ein strenger Priester, zugleich aber ein äusserst geschickter Theaterproduzent, seine Stück-Kathedrale, das Grosse Welttheater. Sie gehört zu den bedeutenden Schöpfungen des Abendlandes, vergleichbar Dantes Göttlicher Komödie, Shakespeares König Lear, Goethes Faust. Sie ist bis in ihre Turmspitzen stabil, besteht ganz und gar aus Gewissheit, wer «recht tut» und über sich Gott erkennt, dem wird die Gnade der Erlösung zuteil. In den Schatten von Don Pedros Kathedrale stellten der Regisseur Volker Hesse, die Spielleute von Einsiedeln und ich das Einsiedler Welttheater. Und wenn unser Versuch nur eine Hundehütte ist, voller Zweifelsflöhe und Zeitgestank – die Kathedrale stört das nicht. Im übrigen weiss sie ja, dass auch das schäbigste Stück auf etwas anderes zeigt, auf das Hohe und Grosse, das die Zeiten überdauert.




Künstlerische Leitung
Inszenierung
Volker Hesse
Geboren 1944 im Moselgebiet. Bis 1999 Direktor am Zürcher Neumarkt Theater. Ab 2001 Intendant des Maxim Gorki-Theaters in Berlin.
Choreographie
Joachim Siska
Ausbildung an der John Cranko-Ballettakademie, Stuttgart. Victorian Arts College, Melbourne und David Howard, New York. Seit 1997 international tätig als freischaffender Choreograf und Regisseur im Musiktheater, Tanztheater und Schauspiel.
Musik
Disu Gmünder
Geboren 1963. Gitarrist bei der Rockband "Patent Ochsner". Mitwirkung bei Filmen und Theaterproduktionen, u.a. "Die Schwarze Spinne" in der Gessnerallee, Zürich.
Kostüme und Maskenentwürfe
Ann Poppel
Geboren in Fürstenwalde bei Berlin. Kostümbildnerin in mehreren Filmproduktionen von Werner Herzog und Herbert Achternbusch.
Raumgestaltung
Hanspeter Kälin
Geboren 1952 in Einsiedeln. Betreibt ein eigenes Büro für Architektur, Innenarchitektur und Design.
Autor
Thomas Hürlimann
Geboren 1950 in Zug. Neben seinem Prosawerk („Die Tessinerin“, „Das Gartenhaus“, die Satellitenstadt“, „Der grosse Kater“, „Fräulein Stark“, „Vierzig Rosen“) schrieb Hürlimann mehrere Theaterstücke, u.a. „Der Gesandte“ (1991) oder „Carleton“ (1996). Thomas Hürlimann wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem „Joseph-Breitbach-Literaturpreis“ 2001 und dem „Jean-Paul Preis“ 2003.


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