Arbeitsnotiz zum Einsiedler Welttheater
Im August 1950 hatte eine junge, im fünften Monat schwangere Frau nicht die geringste Lust, «Das Grosse Welttheater» zu besuchen. Da sagte ihr Bruder, ein Priester und Bibliothekar: «Marie, in deinem Zustand tun dir Calderóns weise Worte über das Werden und Vergehen gut. Und wer weiss, vielleicht erreichen sie auch dein Kindchen.» Gehorsam reiste die junge Frau nach Einsiedeln und sah sich an einem schwülheissen Augustabend die Vorstellung an. Sie übernachtete im «Storchen», ging anderntags in die Frühmesse, stiftete bei der Madonna eine Kerze, kehrte nach Zug zurück und wurde vier Monate später, im Dezember, meine Mutter.
Calderón hat die archetypischen Figuren seines «Welttheaters» einem antiken Mythos entnommen, die Figur der Welt jedoch ist seine Erfindung. Wie kam er darauf? Ich vermute: Damals musste sich die Menschheit daran gewöhnen, nicht mehr das Zentrum der Schöpfung zu sein, sondern auf einem runden, von Seefahrern umsegelten Planeten durchs All zu sausen. Die Welt hatte sich vom Schöpfer gelöst, sie war selbstständig geworden – und bei Calderón, dem bedeutendsten Dramatiker des Barock, eine eingenwillige Figur. Ein Theatercoup ersten Ranges! Die Welt, auf der sich alles abspielt, spielt mit. Sie führt sogar Regie und teilt den sechs Figuren, die von der Wiege bis zur Bahre gehen, die Requisiten aus. Calderóns wichtigste Figur hingegen ist el Autor, in Eichendorffs Übersetzung der Meister. Er hat die Figuren erschaffen und geprägt. Er schreibt die Rollen, lässt sie auf- und abtreten. Auf den ersten Blick ist die Arbeitsteilung theaterüblich: Der Autor schreibt, der Regisseur inszeniert. Aber je tiefer ich in Calderóns StückKathedrale eindrang, desto klarer wurde mir, dass zwischen Autor (Meister) und Regisseur (Welt) eine gewaltige Differenz besteht. Der Meister trohnt, die Welt bewegt sich. Der Meister gehört ins gläubige Mittelalter, die Welt in die vernunft?geleitete Neuzeit. Während der Meister über eine Schöpfung gebietet, in der alles vorherbestimmt ist, vertritt die Welt eine Zeit, die sie selber gestalten möchte. Die beiden Gesetze widersprechen einander, und so klafft zwischen Calderóns katholischem Glauben und seiner modernen Philosophie ein Riss auf, der die Stück-Kathedrale seit ihrer Errichtung im Jahr 1641 gefährdet. Lässt sich der Riss kitten? Wohl kaum. Also habe ich ihn vergrössert. Der Meister hat sich aus dem Stück zurückgezogen, und die Welt ist eine alte Schachtel. Damit ist Calderóns Widerspruch gelöst; die verschiedenen Gesetze tangieren sich nicht mehr; aber von der Kathedrale bleibt nur eine Ruine übrig, ohne Türme, ohne Dach, und darüber ein himmelweiter Abgrund, aus dem ein gefährlicher Wind weht, der Endwind.
Im Sommer 1991 hat alles begonnen, nach einer Vorstellung meines Stücks «Der Franzos im Ybrig», aufgeführt im Rossstallhof des Klosters Einsiedeln. Hanspeter «James» Kälin, der damals den Sargtoni spielte, hatte sich gerade abgeschminkt und schlug vor, unter den Arkaden noch eine Flasche Wein zu trinken. «Du», sagte er nach einem längeren Schweigen, «schon als Bub habe ich im Welttheater den kleinen Bettler gespielt. Ich fände es schade, jammerschade, wenn die Tradition abbräche. Aber wir können sie nur dann erhalten, wenn wir alles verändern.» Ich danke dem Vorstand der Welttheater-Gesellschaft, vor allem seinem Präsidenten Peter Kälin und James Kälin, dem künstlerischen Leiter, für ihr Vertrauen. Sie gaben mir die Chance, den komplexen Stoff ein zweites Mal zu bearbeiten, und mit einer leisen Wehmut stelle ich fest, dass heuer, im Sommer 2007, mein jahrelanger Aufenthalt in Calderóns Stück-Kathedrale zu Ende geht. Ich danke Abt Martin und den Patres des Klosters, dass sie ihre segnenden Hände über ihren Platz, unsere Bühne, und die Spielleute halten. Ich danke allen, die die gewaltige Theaterbarke seetüchtig gemacht haben. Und ich habe die leise Hoffnung, bei einer der Vorstellungen könnte im Publikum eine Schwangere sitzen und die Idee unseres Spiels vom Werden und Vergehen an ihr Inneres weitergeben.
|