«Grosse Fragen der Menschheit»
Victor Kälin: Wie gross ist die Gefahr, das Stück 2000 in anderen Worten zu wiederholen? Thomas Hürlimann: Es wird ein neues Stück. Man kann auf keinen Fall von einer Wiederholung sprechen. Ich werde mich noch stärker auf Calderon beziehen – mit einer neuen Variation des Originals.
Wie sieht das konzeptionelle Vorgehen aus? Schliesslich haben Sie bereits einmal Calderon umgeschrieben. In das neue Stück fliessen die Erfahrung des alten. Dieser Prozess begann schon mit der Premiere im Jahr 2000. Dann sind wir alle älter geworden – andere Erfahrungen, andere Zeiten. Jedes gute Stück fängt dies auf. Ich versuche, mich zum Medium zu machen als wacher Zeitgenosse. Ich stelle jeden Morgen die Frage: Was hat Calderon schon gefragt? Das gibt Fantasien. Und plötzlich kommt mir ein Bild in den Sinn. Das verläuft sehr assoziativ. Ich gehe vom Assoziativen ins Konzeptionelle.
Ist es nicht langweilig, ein Stück ein zweites Mal umzuschreiben? Im Gegenteil! Nehmen Sie den Sihlsee: Den kann ich jeden Morgen betrachten. Und noch nie habe ich zweimal dasselbe Bild entdeckt. Aber ich sehe ihn immer besser.
Wo steht das Stück aktuell? Es gibt Skizzen – ich arbeite ähnlich wie ein Maler. Ich habe jetzt eine Szene, in der ich die Form des Stückes zu riechen beginne. Ich will diese Phase möglichst lange so behalten.
Kann schon etwas konkret gesagt werden? Ich probiere zum Beispiel den Begriff der Gen-Technologie auf Calderon zu übertragen – ohne zu wissen, ob das irgendwo hinläuft. Ich probiere es und schaue dann.
Seit wann sind Sie am Stück 2007? Seit mich der Vorstand angefragt hat – so im Frühling dieses Jahres.
Sie wüssten jetzt mehr – auch Dank der Calderon-Forschung, liessen Sie an der Versammlung der Welttheater Gesellschaft verlauten. Die Fassung 2000 war zum Beispiel an der Universität Hildesheim ein Thema. Ich wurde dazu eingeladen und mit den neuesten Forschungsergebnissen konfrontiert. In der Zwischenzeit erschienen auch etliche Abhandlungen. Es ist einfach so: Wenn man sich mit etwas beschäftigt, begegnet man ihm immer wieder.
Die sieben Bilder bleiben. Ja. Das ist wichtig für das Stück. Intrada – solida: Übernimmt man diesen Anfang und diesen Schluss, muss man eine Mitte haben. Das ist ein klassisches Mass. Die Bilder 2 und 3 sowie 5 und 6 erfahren so ihre Entsprechung. Diese meine Entdeckung – so darf ich sagen – hat die Calderon-Forschung als höchst interessant bestätigt. Ich werde darauf aufbauen; das ist das Skelett, aber noch nicht das Fleisch.
Was darf inhaltlich erwartet werden? Die Fassung 2000 war ein Versuch, das Stück ins Dorf, nahe zu uns zu holen. 2007 sollen die grossen Menschheitsfragen gestellt werden. Ich suche Figuren, welche mit diesen Fragen durchs Leben gehen: Wer bin ich? Was ist der Sinn? Gibt es einen Gott? Hat mein Tun Konsequenzen? 2007 bildet nicht mehr Einsiedeln der Rahmen, sondern die sechs Figuren, welche diese Fragen stellen. Der Besucher geht wieder mit Fragen nach Hause.
Keine Antworten? Absolute Fragen werden nur durch Ideologen, Fundamentalisten, Sekten… beantwortet. Die wissen auf jede Frage eine Antwort. Der Original-Calderon zeigt Interessantes: Er blieb in seiner Bescheidenheit bei der Frage stehen. Hierin werden wir geboren; endgültige Antworten haben wir nicht. Ich bleibe der Philosophie Calderons verpflichtet. Ich gebe keine Antworten, zu dem, was nicht in unserer Hand ist. Die Kulisse hingegen wird sicher als eine Antwort dastehen. Es ist die Klosterkirche. |